26.02.1949 Formalismusdebatte in der Volksstimme

26.02.1949 Formalismusdebatte in der Volksstimme

Der folgende Aufsatz, der in vielen Zeitungen veröffentlicht wurde, beeinflusste das Leben Heinz Tetzners nachhaltig, denn er grenzte die Maler, die formalistisch arbeiteten, systematisch aus.  Im Folgenden wird der Artikel aus der Volksstimme wörtlich zitiert:

Volksstimme vom 26. Februar 1949, Seite 3

Volksstimme 1949

Was ist Formalismus – Naturalismus – Realismus?

Durch seinen Aufsatz „Ueber die formalistische Richtung in der deutschen Malerei“ hat Oberstleutnant Alexander   D y m s c h i t z    die Kunstdiskussion an ihre eigentlichen Kernprobleme herangeführt. Er nennt seine Ausführungen „Bemerkungen eines Außenstehenden“. Aber gerade die Stellung als Außenstehender ermöglicht es Oberstleutnant Dymschitz, die Dinge leidenschaftsloser und nüchterner zu sehen, als es den unmittelbar Beteiligten oft möglich ist. Deren Aufgabe ist es nunmehr, sich mit den Gedanken von Alexander Dymschitz auseinanderzusetzen, die eigene Auffassung zu überprüfen und bei abweichender Meinung die Stichhaltigkeit der Argumente unvoreingenommen zu untersuchen. Die erste Voraussetzung dazu aber ist die Klarheit der Begriffe. Die Verworrenheit in dieser Hinsicht ließ die Teilnehmer an den Diskussionen oft aneinander vorbeireden und machte dadurch die Diskussion selbst unfruchtbar und ergebnislos. Es sei deshalb hier versucht, wenigstens im Grundsätzlichen Klarheit darüber zu gewinnen, was unter Formalismus, Naturalismus und Realismus zu verstehen ist.

Wir unterscheiden in einem Bild drei Elemente: den Inhalt, den Gegenstand und die Form. Die Form ist der zusammenfassende Ausdruck für Farbe, Komposition, Perspektive, Licht und Schatten usw. Für den   F o r m a l i s m u s   ist das formale Element das Entscheidende, wenn nicht das Ausschließliche, für ihn heißt Kunst nichts anderes als Darstellung der Form. Die Forderung nach einem Bildinhalt weist er als unkünstlerische Zumutung zurück. Auch der Gegenstand, soweit er ihn überhaupt gelten lässt, ist für den Formalismus gleichgültig. Der Gegenstand hat höchstens die Bedeutung des Formträgers, gewissermaßen des Buchstabens, um die Form niederzuschreiben. Nicht aber ist die Form das Mittel zur Darstellung des Gegenstandes. Bei einem Landschaftsbild handelt es sich für den Formalismus nicht zuletzt um die Bäume, die Häuser, die Erde und den Himmel. Dies bietet ihm nur die Möglichkeit, vielleicht in den Bäumen ein neues Grün zu entdecken, das Rot der Hausdächer dagegen abzuwägen, für den Himmel ein möglichst transparentes Blau zu finden und als Kontrastfarbe die Erde dagegenzusetzen. Alles das wird dann durch Aufteilung der Fläche, Komposition usw. in eine Gesamtform gebracht, und die Aufgabe der Kunst gilt als gelöst. Für den Formalismus bedeutet es deshalb auch keinen großen Unterschied, eine Landschaft, ein Stilleben oder ein Porträt zu malen, es sind ihm nur drei verschiedene formale Möglichkeiten.

So einseitig der Formalismus durch das Formale beherrscht wird, so einseitig ist der   N a t u r a l i s m u s   durch den Gegenstand bestimmt. Er benutzt die Form nur, um den Gegenstand bildlich zu reproduzieren. In der Landschaft sieht der Naturalismus nicht wie der Formalismus zuerst die Farben, sondern er sieht etwa links zwei große Bäume, rechts drei kleinere und Gebüsch, im Hintergrund ein großes und ein kleines Haus, zu einem Gehöft vereinigt, er sieht, dass der Erdboden feucht vom Regen ist, und ähnliches mehr. Und nun kommt es ihm darauf an, all das, was er sieht, und möglichst genau so, wie er es sieht, im Bilde wiederzugeben. Das Formale ist also für den Naturalismus lediglich eine Frage des richtigen und genauen Sehens und der handwerklichen Geschicklichkeit.

Aber auch wenn es dem Naturalisten gelungen ist, die Natur bis in ihre Einzelheiten zu erfassen und darzustellen, lässt sein Bild den Betrachter doch unbefriedigt. Die Kunst ist an der Oberfläche und Zufälligkeit der äußerlichen Erscheinung haftengeblieben, ohne ihren Sinn zu begreifen. Das Bild bleibt leer, weil es von der Lebenskraft der Natur, von dem Leben und Weben, das durch das Ganze und das einzelne hindurchgeht, nicht erfasst hat. Dies aber ist das dritte Kunstelement, der Inhalt, auf den der   R e a l i s m u s   das entscheidende Gewicht legt. Der Inhalt ist für den Realismus der in seinem Sinn oder in seiner Wahrheit begriffene Gegenstand. Der Gegenstand ist also hier nicht gleichgültig wie beim Formalismus, denn der Inhalt bleibt an den Gegenstand gebunden, ist ohne ihn nicht da. Andererseits ist der Gegenstand als solcher in seiner bloßen unbegriffenen Tatsächlichkeit nicht das Entscheidende wie beim Naturalismus. Dem Realismus geht es darum, den Inhalt im Gegenstand durch die Form sichtbar zu machen. Die Form hat also im Gegensatz zum Naturalismus wieder eine Bedeutung, aber keine selbstherrliche Entscheidung wie beim Formalismus. Die Form wird im Realismus nicht als das Bestimmende von außen her herangetragen, sondern wächst aus der Verbindung von Inhalt und Gegenstand heraus. Daher gibt es hier auch keine abstrakten Spekulationen und keinen ebenso weltfremden Aesthetizismus. Der Realismus ist eine fest in der Wirklichkeit verbundene Kunst, in der Inhalt, Gegenstand und Firm zu einer geschlossenen Einheit zusammengehen.

Damit ist nun aber die Frage nach dem Sinn der Kunst noch nicht beantwortet. Ist die Kunst ein in sich abgeschlossener Wert? Das könnte immerhin auch beim Realismus der Fall sein. Wir verneinen den absoluten Eigenwert der Kunst und sprechen von einem sozialistischen    R e a l i s m u s. Wir meinen damit, dass wir einen Realismus wünschen, der seinen Zweck nicht in sich selbst sucht, sondern so, wie er sich bewusst sein muss, aus der Gesellschaft geboren und von ihr getragen zu werden, sich wiederum verpflichtet weiß und sein Ziel darin sieht, am Aufbau dieser neuen Gesellschaft mitzuarbeiten. Mit anderen Worten: wir v erstehen unter   s o z i a l i s t i s c h e m   R e a l i s m u s   eine Kunst, die sich als politische Aufgabe versteht. Deshalb bevorzugt diese Kunst als Motiv den Menschen in seinem gesellschaftlichen Dasein. Heute aber wird das gesellschaftliche Leben beherrscht von den großen Aufgaben zur Herbeiführung einer antifaschistisch-demokratischen Ordnung und damit auch vom Zweijahrplan.

Der werktätige Mensch und seine Arbeit stehen im Mittelpunkt der Entscheidungen. Ihn wird also auch der Künstler, der in unserer Zeit steht, zum Hauptthema seiner Bilder machen, und so wird er mit seinen Mitteln mitarbeiten an dem gemeinsamen Ziele, mit eigener Kraft aus dem Elend herauszukommen und eine neue, friedliche Zukunft auszubauen.

Erich Vogt